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ARTE Journal 05/2011

Rassismus-Skandal erschüttert französischen Fußball

Interview mit Professor Braun

Kaum haben sich die Wogen der Streitigkeiten nach der katastrophalen Weltmeisterschaft in Südafrika geglättet, erschüttert ein weiterer Skandal den Fußball in Frankreich: Der Französische Fußballverband hat offenbar geplant, die Zahl von Spielern mit Migrationshintergrund in den Ausbildungszentren zu reduzieren. Der Skandal um die so genannten "Rassenquoten" könnte dem Multikulti-Mythos des französischen Fußballs einen schweren Schlag versetzen.

Das Multikulti-Weltmeister-Team von 1998 galt in Frankreich lange Zeit als Musterbeispiel für gelungene Integration. Doch das könnte sich bald ändern. Der französische Fußballverband (FFF) plant offenbar, eine Quote von höchstens 30 Prozent für Jugendliche mit afrikanischem Migrationshintergrund für die Sportschulen und Trainingszentren des Landes einzuführen.

"Wer ist groß, stämmig, stark? Die Schwarzen."
Die Affäre geht auf ein im vergangenen November stattgefundenes Treffen von Trainern und Funktionären des FFF zurück, an dem auch Laurent Blanc, derzeitiger Nationaltrainer und Symbolfigur des WM-Triumphs von 1998, teilgenommen hat. Das Internetportal Mediapart veröffentlichte das Gesprächsprotokoll dieser Verbandssitzung. Demnach drehte sich die Diskussion um die Spieler mit doppelter Nationalität, die in Frankreich ausgebildet werden, letztlich aber entscheiden nicht für Frankreich, sondern für ihr Herkunftsland Algerien, Mali oder Senegal zu spielen. In diesem Kontext erklärte Laurent Blanc: "Wir produzieren in Frankreich immer den gleichen Fußballer-Prototyp: groß, stämmig, stark. Und wer ist groß, stämmig, stark? Die Schwarzen. So ist das nun mal (…). Die Spanier haben mir gesagt: Wir haben keine Probleme, wir haben keine Schwarzen." Der Verband könnte ja mehr auf Technik als auf Kraft achten, hieß es. Daraufhin erwog die Runde, eine Quote für schwarze und arabische Spieler einzuführen.

Untersuchungen eingeleitet
Seitdem Mediapart die Affäre ins Rollen brachte, kochen die Emotionen in Frankreich hoch. Der technische Direktor des Verbandes François Blaquart wurde von Sportministerin Chantal Jouanno suspendiert. Zudem haben das Sportministerium, der Verband und die französische Behörde gegen Diskriminierung "La Halde" Untersuchungen eingeleitet.

Doch wie konnte der FFF die Einführung einer Rassenquote überhaupt in Erwägung ziehen? Inwiefern spiegelt der Vorschlag die derzeitige politische Kultur Frankreichs wider? Und wären solche Diskussionen in Deutschland denkbar? Mit diesen Fragen hat sich ARTE Journal an Prof. Sebastian Braun gewandt, Sportsoziologe und Autor des Buches "Elitenrekrutierung in Frankreich und Deutschland. Sporteliten im Vergleich zu Eliten in Politik". Für ihn erregt die Affäre auch deshalb so viel Aufsehen, weil der Fußball bislang Ausdruck für die Leistungsfähigkeit der französischen Gesellschaft war. Interview :


Magali Kreuzer für ARTE Journal: Was halten Sie von dem Vorschlag des französischen Fußballverbandes, eine so genannte „Rassenquote“ einzuführen?

Prof. Dr. Sebastian Braun:

„Von derartigen Quoten ist natürlich in einer demokratischen Gesellschaften nichts zu halten, weil wir in demokratischen Leistungsgesellschaften nicht an irgendwelchen äußeren Merkmalen und Herkunftsmerkmalen die Qualität von Menschen festmachen und deren Chancengleichheit in Frage stellen können. So etwas hat meines Achtens im Sport nicht einen Zentimeter Platz.

ARTE Journal: Kann man da von Rassismus sprechen?

Das ist natürlich eine Form von Rassismus, die da stattfindet. Es handelt sich um eine Ausgrenzung von Personen, denen aufgrund bestimmter Herkunftsmerkmale und nicht auf der Basis von bestimmten Leistungsmerkmalen Zugänge verwehrt werden sollen. So etwas ist in pluralistischen, demokratischen Gesellschaften eine Form von Ausgrenzung, die in dieser Form nicht tolerabel ist.

ARTE Journal: Weshalb hat Ihrer Meinung nach dieser Vorschlag solch einen Skandal in Frankreich ausgelöst?

Ich glaube, man hat sich in Frankreich auch 1998 bei der grandiosen Fußballweltmeisterschaft öffentlich dargestellt als ein Musterbeispiel für funktionierende Integration. Denn die Mannschaft war sehr gemischt zusammengesetzt und wurde als Ausdruck für die Leistungsfähigkeit der französischen Gesellschaft genommen. So wurde es zumindest auch vom damaligen Staatspräsidenten interpretiert oder symbolisch vorgeführt. Und insofern ist das geradezu eine Kehrtwende in die andere Richtung, die wir meines Achtens schon seit einigen Jahren beobachten können, nämlich seitdem die französische Nationalmannschaft nicht mehr so erfolgreich spielt. Aber das auf diese Merkmale zu reduzieren, ist natürlich für eine Gesellschaft, die sich als offen und pluralistisch betrachtet und wo das Aufstiegsprinzip ganz streng an Leistungskriterien festgemacht werden soll, mehr als irritierend.

ARTE Journal: Macht die Affäre nicht auch die Verunsicherung der französischen Gesellschaft deutlich, die schon seit Monaten in einer Identitätkrise zu stecken scheint?

Ich glaube, dass der Spitzensport im Allgemeinen und gerade die populären Sportarten wie der Fußball in unseren westlichen Gesellschaften, wo er sehr populär ist, immer ein Symbol für weitaus mehr ist, als das was auf dem Platz konkret geschieht – nämlich, dass ein Ball ins Tor geschossen wird auf der einen oder anderen Seite. Das haben wir natürlich in allen Gesellschaften und so diskutieren wir natürlich auch in Deutschland ganz breit die Integrationsdebatte am Beispiel des Spitzensports, wenn Sie das Beispiel Mesut Özil nehmen in der deutschen Nationalmannschaft oder das Fußballländerspiel, das hier stattgefunden hat – Deutschland gegen Türkei – wo Özil von seinen Landsleuten aus der Türkei ausgepfiffen wurde, was zu viel Empörung führte. Das ist nicht typisch französisch, das die Fußballnationalmannschaft als Symbol für die Leistungsfähigkeit einer gesamten Gesellschaft genommen wird und damit auch für die Integrationsbereitschaft und die Integrationsfähigkeit der Gesellschaft. Der andere Teil ist, dass offensichtlich so etwas stattfindet wie eine Selbstvergewisserungsdiskussion in Frankreich, wobei wir da immer auch radikale Züge erkennen können. Insofern kann ich mir natürlich gut vorstellen, dass in Zeiten solche Positionen zunächst einmal ausgetestet und ausprobiert werden können, inwieweit die öffentlich toleriert werden.

ARTE Journal: Sind die Vorschläge also das Spiegelbild der derzeitigen politischen Kultur in Frankreich?

Es scheint ja so zu sein, dass Thesen der „Front Populaire“ wieder auf dem Vormarsch sind und relativ hohe Akzeptanz finden. Insofern kann man natürlich sagen: Da drückt sich etwas aus. Man kann auch die umgekehrte These wagen, dass sich in so einer Zeit natürlich auch Interessensgruppen wie Sportverbände oder andere Verbände mit Überlegungen nach vorne trauen und mal testen, wie die Öffentlichkeit darauf reagiert, weil eine gewisse Stimmung in der Öffentlichkeit da ist. Ich glaube, dass in Deutschland so ein Vorschlag nicht mal gewagt werden würde, weil er überhaupt nicht zeitgemäß und „political correct“ wäre. Ich würde jetzt nicht sagen: „der Sport als Spiegelbild“. Diese These ist mir ein bisschen zu simpel. Sondern ich würde eher sagen: Es geht dort um Macht- und Einflussverhältnisse. Und in der Zeit versucht man als Lobby- und Interessensgruppe auszuprobieren, wie die Öffentlichkeit auf bestimmte Ideen reagiert.

Arte Journal: Weshalb können Sie sich einen solchen Vorschlag in Deutschland nicht vorstellen?

Im Moment kann man ihn sich ganz schlecht vorstellen, weil wir in Deutschland in den letzten Jahren eine Kehrtwende haben, dass Integration überhaupt erst einmal als Thema in der Öffentlichkeit angekommen ist, das Wegkommen von reinen Assimilationsvorstellungen und -konzepten. Integration und Zuwanderung werden eher als eine Bereicherung in der Gesellschaft betrachtet. Das scheint jetzt zunächst einmal im Gegensatz zu den Sarrazin-Thesen zu stehen, aber die Sarrazin-Thesen haben auch deshalb diesen Raum, weil wir diese Diskussion gegenwärtig führen. Wir haben in der deutschen Nationalmannschaft noch nicht den Anteil, den an jungen Männern mit Zuwanderungsgeschichte, den die Franzosen haben. Insofern ist diese Debatte hier noch gar nicht so weit verbreitet. Ich könnte mir allerdings vorstellen, dass unter reinen Erfolgskriterien und damit verbunden auch ökonomischen Aspekten von Verbänden es natürlich nie ausgeschlossen ist, dass man auch Fragen diskutieren würde, welcher Spieler im Nachwuchsbereich ausgebildet wird und wo er hinterher in welcher Nationalmannschaft spielt. Das kann man nie ausschließen. Aber ich glaube, auch die Reaktionen in Frankreich sind relativ eindeutig auf dieses Thema. Der französische Verband hat ja dieses Thema sofort wieder von der Agenda genommen.

ARTE Journal: Welche Auswirkungen könnte der Skandal auf das nach der Weltmeisterschaft schon angekratzte Image der französischen Nationalmannschaft haben?

Ich glaube, wenn ich ganz ehrlich bin, verjähren Skandale im Spitzenfußball ausgesprochen schnell. Das ist zumindest meine Beobachtung. Wir könnten jetzt über die politische Kultur eines Landes reden, aber die Bedeutung die dann wieder ein gewonnenes Spiel einer Mannschaft hat, scheint unheimlich schnell einen Schleier über alle möglichen Vorfälle zu legen. Ich will jetzt nicht Integrationsfragen mit Dopingfragen verbinden, aber wie schnell dort immer wieder Zwischenfälle nicht nachhaltig dazu beitragen, dass irgendwelche Sportarten über Jahrzehnte hin schwer beschädigt sind, sondern weiterhin Liebhaberei und Leidenschaft für den Sport und das Spiel erhalten bleiben in der Öffentlichkeit, das ist schon bemerkenswert. Ich glaube, wenn das nicht noch große Runden dreht durch die Medien und diese Überlegungen weiter verfolgt werden, dann schwappt das für eine gewisse Zeit mal hoch und dann versickert es auch schon wieder. Es sei denn, man greift wirklich zu ausgrenzenden Mechanismen. Dann würde es natürlich kritisch.

ARTE Journal

erschienen am 06. Mai 2011

Autor: Magali Kreuzer für ARTE Journal


 

 


 



 

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