Sie sind hier: Medienspiegel > Fussball und Integration      
             
 

Sport, Bewegung und
Engagement im
gesellschaftlichen Wandel

 

Badische Zeitung 08/2010

Die Wahrheit neben dem Platz
Seit den Erfolgen der Nationalmannschaft bei der WM reden alle von der integrativen Kraft des Fußballs – aber so einfach ist es manchmal nicht

Raphael macht sich Sorgen. Vor einem Monat hat er ein Tor geschossen und sich gleichzeitig aus dem Spiel genommen. „Kreuzbandriss“, sagt er mit gequältem Lächeln, während er sich auf Krücken die Treppenstufen in der Freiburger Fußballschule hochstemmt. Neun Monate Pause. Er ist 17 und Jugendspieler des SC Freiburg, er denkt an die Karriere und daran, wie viel weiter die anderen dann sind.

An was er nicht denkt, ist seine Integration. Raphael hat eine italienische Mutter. Er ist Halb-Deutscher, was nicht sofort auffällt bei badischem Dialekt und dem Nachnamen Kiefl, was aber trotzdem irgendwie wichtig ist, seit Gómez und Khedira Tore für Deutschland schießen.

Junge Spieler wie Raphael gelten als Beweis dafür, dass Integration zumindest im Fußball funktioniert. Aber warum gerade hier? „Weil es egal ist, woher man kommt, wenn man was kann“, sagt Raphael, während er die Krücken abstellt und sich neben seinen Teamkollegen Oguzhan setzt. Oguzhans Eltern kamen aus der Türkei, und manchmal, freitags, geht er mit Ömer Toprak beten. Natürlich sei Integration wichtig, sagt er. „Aber für uns ist das eigentlich kein Thema mehr.“ Weil sie in Deutschland geboren sind, zum einen. Und zum anderen, weil da, wo sie jetzt stehen, jeder nur noch aufs Können und keiner mehr nach dem Nachnamen schaut. „Im Profifußball läuft das doch schon seit Jahren gut“, sagt Raphael.

Wenn Funktionäre über die integrative Kraft des Fußballs reden, klingt das oft, als sei der Sport Strategie. Der DFB vergibt Integrationspreise, und der UN-Sonderbeauftragte für Sport, Willi Lemke, lobt Özils gelungenen WM-Auftritt als ein „wichtiges Integrationssignal“ – was sich ein bisschen so anhört, als habe Özil mit seiner Art, den Ball zu spielen, der Gesellschaft etwas sagen wollen. Spieler wie er werden schnell zu Vorbildern stilisiert, weil sie zeigen, dass jeder Erfolg haben kann im Fußball.

Oguzhans und Raphaels Idole aber heißen nicht Özil und Gómez, sondern Robben und Zidane – weil die jungen Fußballer Parallelen in der Spielweise statt in der Herkunft suchen. Seit der DFB vor zehn Jahren ein Nachwuchsförderprogramm gestartet hat, das Leistungszentren wie die Freiburger Fußballschule unterstützt, ist das mit der Integration im Profifußball tatsächlich einfacher geworden – so einfach, dass die Entwicklung die Diskussion darum eigentlich schon überholt hat.

Willkommen ist, wer eine Aufenthaltserlaubnis hat und kicken kann, gefördert werden keine Begegnungsstätten. Damit ist das erfüllt, woran es sonst oft hapert: Alle haben die gleichen Chancen. Nüchterner gesprochen, geht es dabei umein ökonomisches Prinzip: Leistung ist profitabel und damit wichtiger als die Herkunft.

„Im Sport gibt es auch immer eine Kehrseite der Medaille.“ Sebastian Braun, Sportsoziologe

Sebastian Braun, Sportsoziologe an der Humboldt-Universität Berlin und Autor des Buchs Integrationsmotor Sportverein“, hält die Erwartungen an den Fußball dennoch für überzogen. „Als Frankreich 1998 mit einer multi-ethnischen Mannschaft Weltmeister wurde, wurde die auch als gelungenes Gesellschaftsmodell gefeiert“, sagt er. Später, als sich die Niederlagen häuften, seien dieselben Argumente von der Gegenseite ausgeschlachtet worden: „Da hieß es dann von den gleichen Spielern, sie ruhten sich in der Hängematte der Gesellschaft aus.“

Zwar könne ein Fußballverein die Integration fördern – weil es dort möglich ist, Kontakte zu knüpfen und sich in die Gemeinschaft einzubringen. Was dabei oft vergessen werde, sei das Konfliktpotenzial des Sports. „Diskriminierungen nehmen zwar ab, je leistungsorientierter die Mannschaften sind“, sagt Braun. Aber gerade bei den Amateuren sehe das oft anders aus. „Im Sport gibt es auch immer eine Kehrseite der Medaille.“

Wasenweiler, Pokalspiel. Elfmeter für die Heimmannschaft. Die üblichen Proteste in Richtung Schiedsrichter, es geht ein wenig hin und her, dann Ruhe. „Baris“, erklärt Ramazan Özmen, heiße schließlich „Frieden“ auf Deutsch. Und Baris heißt auch die Gastmannschaft.

Der SC Baris Müllheim ist einer der sogenannten Migrantenvereine, die sich meist in den achtziger und neunziger Jahren gegründet haben. Sie heißen Ankara oder Türkspor, Liljan oder Sloga, und sie sind, in der Spielweise und in ihrem Dasein überhaupt, oft umstritten. Die einen sagen, sie seien Integrationsbremsen und Nährboden für Parallelgesellschaften. Die anderen sagen, so hätten sich endlich
auch die engagieren können, die es in anderen Vereinen schwerer gehabt hätten.

Vor 15 Jahren hat Ramazan Özmen mit Freunden Baris gegründet – um auch den türkischen Spielern eine Chance zu geben, wie er sagt. Die nämlich hätten bei der Alemannia stets auf der Bank gesessen. Bis heute sind Vorstand und die meisten Spieler bei Baris türkischstämmig, es gibt aber auch albanisch-, kurdisch-, italienischstämmige Spieler. Und seit eineinhalb Jahren deutsche.

Vor zwei Jahren übernahm Mustafa Yarayan die Mannschaft: 29 Jahre alt, in Deutschland geboren, die Eltern Türken. Er hat früher in der Jugendnationalmannschaft gespielt – der deutschen, natürlich. „Integration war für mich nie ein Problem“, sagt er. Aber dann kam Baris Müllheim. Und die Sache mit dem Rasen.

Müllheim hat zwei Fußballplätze: einen Rasenplatz im Eichwaldstadion, 100 Meter lang. Bundesligamaße. Und neben dem Stadion einen Kunstrasen, 80 Meter lang. Und Müllheim hat zwei Fußballvereine: Die Spielvereinigung 08 Alemannia Müllheim, seit dieser Saison Kreisliga B. Und Baris, die in der Kreisliga A und damit inzwischen höher spielen, die aber lange als Problemfall galten. Immer wieder war es zu Raufereien zwischen Spielern gekommen, und war es auf dem Platz ruhig, ging’s auf den Rängen zur Sache, bis der Ausschluss aus der Liga drohte.

Als Yarayan kam, änderten sich die Dinge. Er erklärte, dass Erfolg auch etwas mit Disziplin zu tun habe, und die Spieler rissen sich zusammen und reagierten nicht mehr auf jede Beleidigung mit den Fäusten. Baris stieg auf in die Kreisliga A. Und Yarayan holte nach ein paar Monaten die ersten deutschen Spieler ins Team. Seit diesem Sommer ist er kein Trainer mehr bei Baris, aber sein Nachfolger setzt die Linie fort, und es könnte eine wunderbare Integrationsgeschichte sein, in der es darum geht, dass beide Seiten sich öffnen müssen, dass all die integrativen Kräfte des Fußballs zum Wirken kämen. Aber noch, sagt Yarayan, hat Baris es nicht ganz geschafft. Noch nicht auf den Rasen.
Auf dem spielt nämlich nach wie vor nur die erste Mannschaft von Alemannia. Der Rasenplatz aber ist städtisches Eigentum. Und eigentlich, findet Yarayan, sollte Baris ebenfalls dort spielen können.

Martin Bauert findet das nicht. Er ist Vorstandsmitglied und ehemaliger Abteilungsleiter der Alemannia, und er kann gleich mehrere Gründe aufzählen, warum das seine Ordnung hat mit dem Rasen. Zum einen mache Baris noch immer Probleme, sagt er, auch wenn es besser geworden sei. Zum zweiten wachse der Rasen schlecht, wenig Sonne, wenig Licht, weshalb die Alemannia selbst nur wenige Partien dort spiele. Am wichtigsten aber: Die Vereinsmitglieder der Alemannia haben das Eichwaldstadion mit aufgebaut. Da gehe es ums Prinzip: „Alle Vereine hier in der Gegend haben in gewissem Rahmen ihre Plätze selbst hergestellt. Und Baris sagt einfach: Wir sind da, wir wollen Fußball spielen, und wir wollen ein Gelände von der Stadt. So kann das nicht laufen.“ Dass Baris sich überhaupt hat gründen müssen, versteht er nicht: „Wie soll ich mich integrieren, wenn ich mein eigenes Süppchen koche?“

Seit es Baris gibt, fühlt die Alemannia sich angezapft. Die Probleme, sagt Bauert, gingen tiefer als nur um den Rasen. Baris hat keine eigene Jugendabteilung, das heißt, Alemannia bildet die Spieler aus, die dann später für den Konkurrenten auflaufen. „Weil wir so einen hohen Ausländeranteil in den Jugendmannschaften haben, bringen viele deutsche Eltern ihre Kinder bewusst in die Ortsteilvereine“, sagt Bauert. Und wenn dann die eigenen Jugendspieler abwanderten zu Baris, bleibe für Alemannia kaum Nachwuchs übrig.

Von Seiten der Stadt Müllheim heißt es, man habe schon zu vermitteln versucht – bisher ohne Ergebnis. Das Paradoxe, sagt Bauert, sei, dass man sich privat sowieso gut verstehe. Einmal, auf einer Grillparty, habe er ein paar Leuten von Baris den Vorschlag gemacht, die Mannschaften doch einfach zusammen zu legen. Auf taube Ohren sei er gestoßen. Und Yarayan findet, man habe doch einfach mal reden müssen. Bauert sagt: „So kann das natürlich nicht funktionieren mit der Integration, wenn keiner über den eigenen Tellerrand schielen will.“ Und Yarayan sagt: „Klar muss man als Ausländer den ersten Schritt in Richtung Integration machen. Aber man muss auch irgendwann auf Bereitschaft stoßen.“

Sebastian Braun sagt, dass Segregation nun mal ebenso zum Fußball gehöre wie Integration. Und warnt davor, zu viel in den Sport hinein zu interpretieren. Viel zu oft werde versucht, daraus Rückschlüsse auf die Leistungs- und Integrationsfähigkeit der gesamten Gesellschaft zu ziehen. „Dabei ist die Realität auf dem Platz viel einfacher“, sagt Braun. „Da wollen die Jungs erstmal nur Fußball spielen. Denen ist egal, wie die Gesellschaft das deutet.“

Auch Oguzhan und Raphael scharren schon wieder mit den Füßen. Oguzhan will auf den Platz. Raphaelmuss in Therapie, damit er den Fuß wieder in Ordnung kriegt. Er kommt aus Müllheim und hat bei der Alemannia angefangen, aber nun hat er die Chance, es ganz nach oben zu schaffen. Und wenn alles klappt? Wenn der Fuß wieder wird, Raphael den Sprung zu den Profis geschafft hat, und wenn dann, wer weiß, die Nationalmannschaft wartet. Für wen würde er dann spielen?
Raphael zögert, stützt sich auf die Krücken. „Italien“, sagt er dann und zögert wieder, „nein, Moment.“ Er schaut zur Decke, überlegt. Vielleicht denkt er an seine italienische Mutter. Vielleicht auch an sein Kreuzband. Schließlich zuckt er die Schultern. „Darüber mache ich mir Gedanken, wenn es soweit ist.“

INFO
FUSSBALL UND MIGRATION
Dem 23-köpfigen Kader der Nationalmannschaft bei der WM in Südafrika gehörten elf Spieler mit ausländischen Wurzeln an: Serdar Tasci,Mesut Özil (Türkei), Dennis Aogo (Nigeria), Sami Khedira (Tunesien), Jerome Boateng (Ghana), Mario Gomez (Spanien), Miroslav Klose, Lukas Podolski, Piotr Trochowski (Polen), Cacau (Brasilien), Marko Marin (Bosnien). 45 Prozent der Bundesligaspieler der vergangenen Saison waren laut Deutscher Fußballliga (DFL) Ausländer.

Text: Carina Braun

Erschienen am 14. August 2010 in der Badischen Zeitung

 

 

 

zurück zum Medienspiegel

 



 

Logo Humboldt Universität Berlin

Aktuell

Medienspiegel

 

 
             
  © Sportsoziologie Berlin | Impressum | Sitemap | Design: Medienbüro Birkel  
Ziele   Themen   Publikationen   Personal