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Darmstädter Echo 09/2010
„Man darf nicht nur kostengünstige Ausfallbürgen organisieren wollen“
Interview mit Professor Sebastian Braun
Ehrenamt: Bürgerschaftliches Engagement ist aus ganz unterschiedlichen Gründen eine Bereicherung für den Staat – Wer sich engagiert, sollte auch mitgestalten dürfen
Professor Sebastian Braun, Jahrgang 1971, leitet das Forschungszentrum für Bürgerschaftliches Engagement an der Humboldt-Universität in Berlin. Unter anderem war er außerdem Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Deutschen Bundestag in der Enquete-Kommission „Zukunft des bürgerschaftlichen Engagements“.
ECHO: Herr Professor Braun, haben Sie ein Ehrenamt?
Sebastian Braun: Mehrere, zum Beispiel in Beiräten, etwa beim Deutschen Olympischen Sportbund oder bei Ministerien, die sich überwiegend mit den Themen des bürgerschaftlichen Engagements beschäftigen.
ECHO: Warum ist bürgerschaftliches Engagement wichtig?
Braun: Bürgerschaftliches Engagement kann man als eine fundamentale Form des gesellschaftlichen Arbeitens begreifen – neben der Berufstätigkeit und der Familienarbeit. Ökonomisch gesehen wird eine enorme Zeit- und Wissensressource für gesellschaftliche Anliegen zur Verfügung gestellt. Ein weiterer Aspekt wird umschrieben mit dem Begriff Sozialkapital. Das heißt, man arbeitet gemeinsam an einem Anliegen und baut dadurch so etwas wie ein Vertrauen in eine diffuse Gemeinschaft auf. Alle leisten ihren Beitrag –ob das nun in einem kleinen Verein ist oder in der Kommune als Ganzem, wo so etwas wie Kontakte, Netzwerke, Beziehungen und soziale Integration in der Gesellschaft überhaupt entsteht.
Noch fundamentaler aber ist, dass es sozusagen der Grundpfeiler der demokratischen politischen Kultur ist, dass der Bürger als Souverän sich um seine Anliegen kümmert und ins politische Gemeinwesen einbringt. Diese Dimension spielt häufig eine viel zu untergeordnete Rolle.
ECHO: Einmischen durch Handeln also.
Braun: Genau, aber natürlich immer im Rahmen der freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Da muss man ganz sauber abgrenzen – es gibt auch kurzgeschorene Köpfe, die sich ausgesprochen gut vernetzen und im Gemeinwesen einbringen, die sind ganz bewusst nicht mit dem Begriff des Bürgerengagements gemeint. Normativ betrachtet sind für das bürgerschaftliche Engagement mindestens zwei weitere Aspekte wichtig: Es muss gemeinwohlförderlich oder zumindest -verträglich sein und öffentlich stattfinden beziehungsweise sich im öffentlichen Raum abspielen.
ECHO: Viel Zeitaufwand, viel Verantwortung, wenig Lohn: Warum sollte ich ein Ehrenamt übernehmen, statt mich auf meine Karriere zu konzentrieren?
Braun: Die Frage ist zunehmend virulent, das stimmt. Aber wir wissen aus zahlreichen Untersuchungen, dass ein bürgerschaftliches Engagement dem Einzelnen auch viel zurückgeben kann – nicht nur Sinnstiftung oder persönliche Bestätigung jenseits der Erwerbs- oder Familienarbeit, sondern dass es insbesondere auch Lernpotenziale in sich birgt, die dann in beruflichen Kontexten genutzt werden können.
ECHO: Ehrenamtliche setzen sich dafür ein, dass das Schwimmbad im Ort nicht geschlossen wird. Sie betreuen die Bücherei, weil die Stadt die Mittel dafür gestrichen hat. Was können Bürgerinnen und Bürger leisten?
Braun: Da gibt es natürlich keine Faustregel, sondern das ist eine zutiefst demokratiepolitische Fragestellung. Es gibt liberalere Positionen, die sagen, wir haben es mit einem überbordenden Sozialstaat zu tun, der Menschen entmündigt, ihre Angelegenheiten noch selbst in die Hand zu nehmen. Hingegen beäugen zum Beispiel die Gewerkschaften das Bürgerengagement sehr skeptisch, weil sie Angst haben, dass damit Arbeitsplatzabbau einher geht.
ECHO: Was gehört auf keinen Fall in Bürgers Hand?
Braun: Die innere Sicherheit ist ein hochproblematisches Feld.
ECHO: Welche Erwartungen dürfen Bürger, die sich engagieren, an den Staat haben?
Braun: Dass dieser Form des Arbeitens höchste gesellschaftliche Anerkennung zukommt. Das ist nicht immer der Fall. Wirkliche Anerkennung sieht so aus, dass Bürger an politischen Planungsprozessen teilhaben können.
ECHO: Mit der Verleihung des Landesehrenbriefs ist es also nicht getan?
Braun: Nein. auch wenn er eine lobenswerte Form der Anerkennung ist. Man darf aber eben nicht nur Ausfallbürgen organisieren wollen, die kostengünstig sind; man muss den Engagierten vor allem wirkliche Beteiligungsmöglichkeiten eröffnen. Scheinpartizipation führt hingegen zu Enttäuschung und Rückzug.
ECHO: Ist es andererseits angesichts einer Staatsverschuldung von bald 1,8 Billionen Euro nicht ein willkommener Trick des Staates, das Ehrenamt zu betonen, um öffentliche Leistungen weiter abzubauen?
Braun: Zwischen diesen beiden Polen wird die Debatte noch länger schwanken – Instrumentalisierung des Bürgers für öffentliche Aufgaben auf der einen Seite versus Rückeroberung bestimmter demokratischer Spielwiesen durch den Bürger auf der anderen Seite. Eine abschließende Entscheidung kann man da nicht treffen, weil das von Kommune zu Kommune, von Bundesland zu Bundesland anders aussieht.
ECHO: Laut Freiwilligensurvey von 2009 engagieren sich hierzulande 23,4 Millionen Menschen. Das ist doch eine ganze Menge, oder geht da noch mehr?
Braun: Die Frage ist immer auch, ob die Frage nach dem Mehr immer der absolute Bringer ist. Stellen Sie sich mal 60 Millionen partizipierende Bürger im politischen Raum vor, dann können Sie sich vorstellen, was wir an Protestbewegungen und Bürgerinitiativen hätten. Da ist ein geordneter Politikbetrieb gar nicht mehr möglich.
ECHO: Vereine klagen über Mitgliederschwund. Parteien suchen händeringend nach Kandidaten für die Kommunalwahl. Wohin wird die Reise gehen?
Braun: Dass die Parteien suchen, wundert mich überhaupt nicht. Wenn man sich die Mitgliedschaftsquoten und unter den Mitgliedschaften die Engagierten anguckt, ist das schon fast ein demokratiepolitisches Problem. Das ruft Sorge hervor. Da sind wir übrigens direkt bei der Einflussnahme: Es nützt nichts, wenn die Mitglieder Flugzettel verteilen und dann aber merken, dass sie von den großen Entscheidungen meilenweit entfernt sind.
ECHO: Und die Vereine?
Braun: Vereine sind stabile Organisationen und brauchen verlässliche Mitgliedschaften und Engagements über einen längeren Zeitraum. Sie stöhnen vor allem im Funktionsträgerbereich. Es wird eine grundlegende Aufgabe vieler Vereine werden, eine Art Freiwilligenmanagement als Personalmanagement einzuführen.
Text: Silke Rummel
erschienen am 03.09.2010
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